Nikolaus Blome ist derzeit das freundliche Gesicht der BILD-Zeitung. Der stellvertretende Chefredakteur des Boulevardblatts macht sich dieser Tage bei öffentlichen Auftritten bewusst klein. Zuletzt saß er am Sonntagabend bei Günther Jauch. Nur allzu gern zeigt sich Blome gegenüber den Verfehlungen Wulffs generös großmütig – geschickt lenkt er den Blick auf den Skandal um Wulff. Dadurch fällt kaum ein Wort zu der Rolle der BILD-Zeitung in dieser aktuellen Debatte.

Dabei war es die BILD-Zeitung, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Nun ergötzt man sich bei Springer an einer Debatte, die vorwiegend andere für BILD führen. BILD macht sich die Finger nicht schmutzig. Das dürfen andere erledigen. Gezielt wurden einzelne Passagen der Mailbox-Nachricht lanciert. Fragmente einer Nachricht, die BILD mit Rücksicht auf Wulff eigentlich nicht veröffentlichen wollte, die nun aber bereits große Teile der Hauptstadtpresse in toto kennen. Fragmente, die der SPIEGEL in seiner aktuellen Ausgabe bereits abgedruckt hat. Niemand spricht darüber, dass diese Fragmente eben nur Fragmente sind – es bleibt offen, was die übrige Nachricht enthält. Und damit sind die Passagen vermutlich vor allem eins: tendenziös. Es sagt viel über das Berufsethos jener Journalisten aus, die das ihnen angetragene – geradezu aufgedrängte – Quellenmaterial nicht kritisch hinterfragen. Die Dummheit, die man Wulff im Umgang mit seinen „Verfehlungen“ vorwerfen darf, darf man zugleich auch der Mehrheit der Medien vorwerfen – sie lassen sich vor den Karren eines Boulevard-Mediums spannen – alles für den großen Scoop.
Niemand (mit Ausnahme von Wulff selbst) weiß, was den Bundespräsidenten letztlich getrieben hat, Diekmann, Döpfner und Springer anzurufen. Möglicherweise war es mehr als nur der angedrohte Beitrag über seinen Hauskredit … Bereits seit Monaten kursieren im Netz Gerüchte, Wulffs Gattin Bettina habe in Vergangenheit als Prostituierte gearbeitet. Immer wieder sprachen Journalisten diffus von Gerüchten, ohne deren Inhalt öffentlich zu benennen. Doch das Internet gibt bereitwillig Auskunft. Was sagt es über die Moralvorstellungen unserer Medien aus, wenn sie derlei diffamierende Gerüchte über Bande lancieren?
Doch wie kam es überhaupt zu der Affäre? Es war Wulffs Umfeld selbst, das BILD die Informationen dazu lieferte. Der Sprecher Wulffs, Olaf Glaeseker, war es, der BILD-Reporter Martin Heidemanns verriet, dass der Kredit von Frau Geerkens stammte. Die BILD war – dem Vernehmen nach – bis dahin davon ausgegangen, dass der Privatkredit von Carsten Maschmeyer stamme. Damit hatte man Wulff offenbar unter Druck gesetzt. Denn Maschmeyer hatte zuletzt keine positive Presse: Mit ihm verband man in der Öffentlichkeit vor allem zwielichtige Machenschaften des AWD. Möglicherweise hatte sich Glaeseker von Heidemanns zusichern lassen, dass der Inhalt des Kreditvertrags vertraulich behandelt werden würde. Vielleicht hatte Glaeseker darauf vertraut, dass die Recherchen der BILD damit ein Ende nehmen würden. Vielleicht wollte er damit nur Schaden von Wulff abwenden. Doch letztlich hat er damit eine der größten politischen Affären unseres Landes ausgelöst.
Wer blind nach dem Rücktritt Wulffs ruft, hat die wahre Dimension der Affäre nicht verstanden oder hat zumindest kein Interesse daran, dass diese von der Mehrheit der Deutschen richtig bewertet wird. Es bleibt der fade Beigeschmack, dass eine mediale Kampagne gegen den Bundespräsidenten gefahren wird. Initiiert durch BILD, getragen von der Mehrheit der deutschen Medien. Eine bittere Erkenntnis.


Trackbacks